WORKS

An scheinbar fixen Koordinaten schrauben / Christa Benzer 2017

Es ist kaum zu übersehen, dass viele Arbeiten von Friedrich Biedermann nicht auf dem Boden stehen: da gibt es Bildkonstellationen, die an der Decke angebracht sind, er baut Skulpturen, die im Raum zu schweben scheinen, oder versammelt Ventilatoren, um die darauf projizierten Bilder – u.a. Sequenzen aus dem Film Blade Runner – in den Raum hineinzuspielen. Gleichzeitig hat Friedrich Biedermann aber auch diverse Himmelskörper wie einen Satelliten, einen Flugzeugflügel oder den Mond aus den oberen Sphären herunter auf die Erde geholt: Nun leuchtet er fix montiert über den Dächern von Wien, während der Flugzeug flügel – ebenfalls eine Arbeit im Außenbereich – an der Oberfläche verspiegelt und so zum Himmel geneigt ist, dass die Betrachter nur ihn darin sehen, sich selbst aber nicht. Mit Dissolvers (2015), so der Titel der Installation, referiert der Künstler auf das Höhlengleichnis von Platon und seine Erkenntnis, dass die Ideen über die Welt keine fixierbaren Größen sind. Beispielhaft für seinen davon abgeleiteten Umgang mit vorgegebenen Einteilungen und Koordinaten steht in seinem Werk eine Arbeit, die man fast übersehen könnte: Sie heißt Triangle (2010–2013) und besteht aus Geodreiecken – ein Instrument, mit dem man seit der Antike die Welt vermisst. Biedermann baut aus diesen gelb nummerierten, transparenten Objekten hingegen skulpturale (Un-)Gebilde, die trotz der geometrischen Formen eher der Chaostheorie als der Logik von Parallelen oder rechten Winkeln folgen.

Dass die Welt vielmehr aus einer Anhäufung subjektiver Perspektiven und individueller Systeme besteht, ist schließlich ein Gedanke, der auch die Werkserie Periodic System (2013– 2015) durchzieht: Ein Teil besteht aus bildhaften Konstellationen, die sich über die Wände und Decken ziehen; manchmal sind es aber auch skulpturale Elemente wie Plexi glaskästen, Dias und Lighttapes, die er so miteinander in eine Beziehung setzt, dass sie ebenfalls an Lehrbuchdarstellungen in naturwissenschaftlichen Fächern erinnern. Beim Zusammensetzen dieser Bausteine hat Biedermann jedoch mehr den formalen und ästhetischen Überlegungen den Vorzug gegeben: Augenscheinlich ging es viel weniger darum, die Strukturen, Formen und Farben auf gefällige Weise zu verbinden, sondern – trotz teilweiser Ähnlichkeiten – die Brüche und Unvereinbarkeiten sichtbar zu machen. Gerade weil die Welt auf diesen erdachten Konstruktionen basiert, wird die subjektive Erfahrung von Raum und Zeit freilich vollkommen unerlässlich. In Friedrich Biedermanns Werk nimmt nicht zuletzt deswegen auch das (Im)Material Licht eine bedeutende Stellung ein. Der Künstler fördert dabei die praktischen Qualitäten des Lichts genauso wie seine atmosphärischen, gesundheitsfördernden oder auch philosophischen zu Tage: So diente ihm etwa die Arbeit Displacer (2010), ausgestellt bei der EXPO in Shanghai, um die Henri Lefebvre’sche Einteilung des Raums in einen wahrgenommen, vorgestellten und gelebten  zu reflektieren. Außerdem bezog sich die Science-Fiction-artige Konstruktion aus Glasfaserkabeln auf die Architektur, die Friedrich Biedermann in seine Entwürfe und Projekte als notwendig zu bedenkenden Repräsentations- und Erfahrungsraum immer mitein bezieht.  Die Lichtinstallation Memory Code (2012) in der Geriatrie Simmering ist für diese Multiplizierung der Qualitäten des Lichts ebenfalls ein sehr schönes Beispiel. So ist das Farbenspiel in dem dortigen multikonfessionellen Raum atmosphärisch und gesundheitsfördernd, es folgt aber auch einem klaren Konzept: Der Rhythmus des Lichts basiert auf Filmpartituren, die die Lebenserinnerungen der Menschen aktivieren sollen.

Dass der Künstler das Licht immer wieder als eine Aktivierungshilfe zur Intensivierung der Wahrnehmung benutzt, macht er auch mit seinen Licht-Text-Installationen deutlich: Es handelt sich dabei um im Raum hängende Glasfaserkabel-Installationen, die je nach Ausstellungskontext Worte wie Reason (2013), Weightless (2015) oder auch Fragen wie Why Time? (2016) nachbilden. Letztere Frage, und zugleich eine der jüngsten Glasfaserkabel-Arbeiten, lässt gewissermaßen erahnen, dass sich Biedermann zuletzt verstärkt der zeitlichen Dimension von Licht zugewandt hat. Ein Ergebnis davon ist auch schon konkretisiert: Es heißt Light Path (2016) und lädt die Betrachter zum eindrücklichen Erleben des Lichtverlaufs eines ganzen, 24-stündigen Tages in einer komprimierten Minute ein.

 

Tweaking seemingly fixed ccordinates/ Christa Benzer 2017

It would be difficult not to notice that many of the works of Friedrich Biedermann are un-grounded in the most literal sense of the word: constellations of images attached to the ceiling, sculptures that seem to float in the air, electric fans playing back into space the images (e.g. stills from Blade Runner)  projected onto them. Conversely, Biedermann has also shown a propensity for bringing down to earth objects that usually inhabit higher spheres: the moon, a satellite, the wing of an airplane. His moon, a permanent installation, now casts its light on the rooftops of Vienna. The airplane wing, another public space project, was first given a reflective coating and then mounted at an angle to ensure that the viewers can only see the reflection of the sky, not of themselves. Dissolvers (2015), another installation, refers to Plato’s cave allegory and the insight that concepts about the world are never fixed entities. This insight is central to Biedermann’s way of dealing with given taxonomies and coordinates, as can be illustrated with a work that might almost be overlooked: Triangle (2010-13, a piece composed of set squares, a tool whose use as an instrument for measuring the world goes back all the way to antiquity. In this artist’s hands, however, the set squares become part of sculpture-like oddities that may strike one as severely geometrical, but whose logic seems rather to derive from chaos theory than belong to the world of parallels and right angles.
This idea that the world is nothing but an accumulation of subjective points of view and individual systems also informs the series Periodic System (2013-2015).  One part of the installation consists of pictographic constellations covering the walls as well as the ceiling; on the other hand, there are sculptural elements such as plexiglas cases, slides and light tape, arranged by the artist in a way that calls to mind scientific textbook illustrations. In putting together these building blocks, Biedermann seems to have been guided by formal and aesthetic criteria: obviously this is less about combining structures, shapes and colors so as to achieve a pleasant effect than it is about making visible the faultlines and incompatibilities underlying the superficial similarities. It is precisely because the world is the sum of theoretical constructions that the subjective experience of space and time is absolutely indispensable. This also explains why light, this most immaterial of materials, plays such a crucial role in Biedermann’s work, which is as much concerned with the practical, atmospheric and philosophical aspects of light as with its potential health benefits. Displacer (2010), shown at the Shanghai EXPO, explores the three categories of space proposed by Henri Lefebvre: perceived, imagined and lived space. The sci-fi-inspired construction made of glass fiber cables also reflects the pavillon’s architecture, and in this it is typical of all of Biedermann’s designs and projects; for him, the site-specific givens constitute a space of representation and experience that helps shape the respective work of art. The light installation Memory Code (2012) at the geriatrics center Simmering is a perfect example of how the artist mines the most diverse properties of light. While the play of colors in the ecumenical room creates a soothing atmosphere beneficial to the patients‘ health, it also follows a clear concept. The rhythm of the light, based on movie scores, is meant to activate people’s personal memories. Biedermann‘s light-text-installations – dangling glass fiber constructions that ‚perform‘ words like Reason (2013) and Weightless (2015) or questions such as Why Time? (2016) – further testify to the artist’s endeavor to intensify the viewer’s perception.

The title Why Time? moreover points to Biedermann’s increased interest in the temporal dimension of light, one result of which is his recent work Light Path (2016), where spectators are invited to experience the ebb-and-flow of light during a 24 hour day compressed into the time-span of a single minute.